Mythen statt Fakten: Warum die Forderung nach dem Honorardeckel die Patientenversorgung gefährdet

Wenn Funktionäre Versorgung nur vom Papier kennen

Wer aktuell vor einer angeblichen „Überversorgung“ durch die Entbudgetierung warnt, zeigt vor allem eines: Wie weit manche Debatten von der Realität in den Praxen entfernt sind. Wenn Eugen Brysch von der Stiftung Patientenschutz der Politik vorwirft, sie sei der „Kassenärzte-Lobby auf den Leim gegangen“, und dabei unterstellt, bessere Vergütung führe automatisch zu unnötigen Behandlungen, ist das eine steile These ohne Bezug zum Versorgungsalltag.

Das dahinterstehende Narrativ ist simpel: Wer Leistungen bezahlt, erzeugt künstlich mehr Leistungen. In der ambulanten Versorgung 2026 greift diese Logik nicht mehr.

Patientenmangel? Das Gegenteil ist der Fall

Niedergelassene Ärztinnen und Ärzte müssen keine Patienten suchen. In vielen Regionen sind Praxen dauerhaft überlastet. Termine sind knapp, Wartezimmer voll, Telefonleitungen blockiert. Die Idee, es gäbe relevante freie Kapazitäten, um gesunde Menschen zur Fallzahlsteigerung einzubestellen, ist realitätsfern.

Der Versorgungsdruck entsteht durch Demografie, Multimorbidität, frühere Krankenhausentlassungen und steigende Inanspruchnahme ambulanter Leistungen bei gleichzeitig schrumpfender Versorgungsbasis.

Budgets steuern nicht, sie begrenzen Versorgung

Die Rückkehr zu strikten Budgets wird gern als Kostensteuerung verkauft. Tatsächlich bedeuten Budgets vor allem eines: Ärztliche Leistungen werden ab einer bestimmten Menge nicht oder nur noch mit stark reduzierter Vergütung bezahlt.

Währenddessen laufen Mieten, Energie, Medizintechnik und Personalkosten unverändert weiter. Budgetierung löst keine Probleme, sie verschiebt sie auf die Praxen und letztlich auf die Patienten.

Wer Gratisarbeit fordert, gefährdet Versorgung

Dass Ärztinnen und Ärzte für notwendige Leistungen bezahlt werden wollen, ist kein Lobbyinteresse, sondern wirtschaftliche Grundvoraussetzung. Ein System, das dauerhaft unbezahlte Arbeit voraussetzt, ist nicht solidarisch, sondern instabil.

Es ist kein Zufall, dass immer weniger junge Mediziner bereit sind, unter diesen Bedingungen eine Praxis zu übernehmen.

Der eigentliche Engpass sitzt an der Anmeldung

Die größte Gefahr für die ambulante Versorgung ist nicht eine angebliche Überversorgung, sondern Personalmangel und Praxisaufgaben. Praxen finden keine Medizinischen Fachangestellten mehr, weil sie finanziell nicht mit Kliniken konkurrieren können.

Ärztinnen und Ärzte könnten mehr behandeln, scheitern aber am fehlenden Personal. Gleichzeitig geben ältere Kolleginnen und Kollegen auf, ohne Nachfolger zu finden. Das Ergebnis sind Wartelisten, geschlossene Praxen und längere Wege für Patientinnen und Patienten.

Mehr Budgets bedeuten mehr Wartelisten

Wer heute Budgets fordert, darf sich morgen über Wartelisten nicht wundern. Polemische Vorwürfe über angeblich erfundene Fälle helfen niemandem weiter.

Wer verstehen will, wo die Probleme wirklich liegen, sollte die Theorie verlassen und einen Vormittag an einer Praxisanmeldung verbringen. Dort wird schnell klar: Unser Problem ist nicht der Mangel an Patienten, sondern der Mangel an Ressourcen, um den realen Bedarf dauerhaft zu bewältigen.