Faktencheck zur aktuellen Attacke von Stefanie Stoff-Ahnis: Wer jetzt die Entbudgetierung zurückdrehen will, gefährdet die Versorgung in Rheinland-Pfalz und dem Saarland massiv.
Kaum hat das Jahr 2026 begonnen, sieht sich die niedergelassene Ärzteschaft mit einem Frontalangriff seitens der Kostenträger konfrontiert. In einem viel beachteten Interview fordert Stefanie Stoff-Ahnis, stellvertretende Vorstandsvorsitzende des GKV-Spitzenverbands, drastische Maßnahmen: Die Rücknahme der erst kürzlich erreichten Entbudgetierung für Haus- und Kinderärzte sowie die Streichung der TSVG-Zuschläge für schnelle Terminvergaben.
Für MEDI Südwest sind diese Forderungen mehr als nur ein ärgerliches Störfeuer. Sie offenbaren ein fundamental falsches Verständnis davon, wie die Versorgung an der Basis funktioniert. Wer jetzt den finanzpolitischen Rotstift ansetzt, riskiert, dass die ohnehin fragile Infrastruktur der Praxen endgültig wegbricht. Wir analysieren die vier zentralen Thesen des GKV-Spitzenverbands und stellen ihnen die Fakten aus den Praxen gegenüber.
Der Mythos der „angebotsinduzierten Nachfrage“
Der GKV-Spitzenverband argumentiert, dass eine feste, ungedeckelte Vergütung (Entbudgetierung) dazu führe, dass Ärztinnen und Ärzte künstlich Leistungen ausweiten („Wer Fälle bezahlt, bekommt Fälle“). Als Beleg werden gestiegene Leistungszahlen pro Fall bei den Kinderärzten angeführt.
Die Realität in den Praxen:
Diese theoretische Annahme geht an der medizinischen Wirklichkeit vorbei. Dass die Leistungsdichte pro Fall steigt, ist kein Indiz für „erfundene“ Behandlungen, sondern ein Spiegelbild der Morbiditätslast unserer Gesellschaft.
- Komplexere Krankheitsbilder: Wir behandeln eine alternde Bevölkerung mit zunehmender Multimorbidität. Ein Patient kommt heute selten nur mit einem Leiden; er bringt Diabetes, Herzinsuffizienz und orthopädische Probleme gleichzeitig mit.
- Verlagerung aus der Klinik: Krankenhäuser entlassen Patienten immer früher („bloody discharge“). Die aufwendige Nachsorge landet ungefiltert in den Hausarztpraxen.
- Infektionswellen: Gerade in der Pädiatrie sehen wir seit Jahren, dass Infektionswellen (RSV, Influenza, COVID-Folgen) heftiger ausfallen und intensivere Betreuung erfordern.
Die Praxen sind randvoll. Niemand hat die Kapazität, gesunde Menschen einzubestellen, um Honorar zu generieren. Wir kämpfen darum, den tatsächlichen Bedarf zu decken.
Budgetierung: Ein Instrument der Mangelverwaltung, nicht der Steuerung
Frau Stoff-Ahnis bezeichnet die Budgetierung als „bewährtes Steuerungsinstrument“, um die Ausgaben der Krankenkassen stabil zu halten.
Die Realität in den Praxen:
Was die Kassen „Steuerung“ nennen, ist in Wahrheit Rationierung und Abschreckung. Die jahrzehntelange Deckelung der Honorare (RLV/QZV) hat dazu geführt, dass ärztliche Leistung ab einer bestimmten Menge entwertet wurde.
- Das fatale Signal: Welchen Anreiz hat ein junger Mediziner, eine Landpraxis in der Eifel oder im Hunsrück zu übernehmen, wenn er weiß, dass er für das letzte Quartalsdrittel faktisch nicht oder nur noch zu einem Bruchteil vergütet wird – während seine Betriebskosten zu 100 Prozent weiterlaufen?
- Die Folge: Über 5.000 unbesetzte Sitze bundesweit sind das direkte Resultat dieser Politik. Die Entbudgetierung seit Oktober 2025 war der erste Schritt, um Niederlassungen wieder kalkulierbar zu machen. Wer das jetzt zurückdreht, beschleunigt das Praxissterben massiv.
Digitale Planwirtschaft statt pragmatischer Versorgung
Die Kassen fordern die Streichung der TSVG-Zuschläge (Gelder für offene Sprechstunden und Vermittlungsfälle) und schlagen stattdessen eine zentrale, bundesweite Terminplattform vor, an die alle Praxen ihre freien Termine melden müssen.
Die Realität in den Praxen:
Hier wird versucht, ein kapazitäres Problem durch bürokratische Algorithmen zu lösen.
- Triage ist Menschenarbeit: Ob ein Patient sofort, heute Nachmittag oder nächste Woche einen Termin braucht, kann keine zentrale Buchungsplattform entscheiden. Das ist die hochqualifizierte Arbeit unserer Medizinischen Fachangestellten (MFA), die am Telefon triagieren.
- Verlust der TSVG-Gelder: Die Zuschläge waren kein „Geschenk“, sondern eine Kompensation für den enormen organisatorischen Mehraufwand, den Praxen betreiben, um kurzfristige Akut-Termine bereitzustellen. Fallen diese Gelder weg, können viele Praxen dieses Angebot wirtschaftlich nicht mehr aufrechterhalten. Das Ergebnis wären längere, nicht kürzere Wartezeiten.
Die „Reinertrags-Falle“: Warum Umsatz kein Reichtum ist
Es wird argumentiert, dass die Reinerträge der Praxen hoch genug seien und Einsparungen daher verkraftbar wären.
Die Realität in den Praxen:
Diese Argumentation ist populistisch und gefährlich, da sie „Reinertrag“ mit „Brutto-Einkommen“ gleichsetzt. Vom Reinertrag muss der Arzt nicht nur seine eigene Altersvorsorge und Krankenversicherung zahlen sowie Investitionskredite tilgen.
Der entscheidende Punkt ist: Wir stehen in einem harten Wettbewerb um Personal.
- Der Fachkräftemangel bei den MFA ist der Flaschenhals der Versorgung. Kliniken locken unser Personal mit Gehältern, die wir nur zahlen können, wenn die Honorierung stimmt.
- Jeder Euro, der durch eine Wiedereinführung der Budgetierung gestrichen wird, fehlt uns im Budget für Mitarbeitergehälter. Wenn wir unsere Teams nicht mehr bezahlen können, schließen Praxen – nicht aus Mangel an Patienten, sondern aus Mangel an Personal.
„Wir erleben hier den Versuch, die Uhr zurückzudrehen. Die Entbudgetierung war der überfällige Schritt hin zu einer fairen Bezahlung: Ein Euro für einen Euro Leistung. Das ist in jedem anderen Wirtschaftszweig eine Selbstverständlichkeit, nur bei uns Ärzten soll es ein ‚Privileg‘ sein, das man uns bei knappen Kassen wieder entziehen kann.
Wir warnen die Politik eindringlich davor, diesem Ruf des GKV-Spitzenverbands zu folgen. Die Versorgung in Rheinland-Pfalz und im Saarland steht und fällt mit der Verlässlichkeit der Rahmenbedingungen. Wer jetzt Budgets reaktiviert, bestellt Wartelisten und Praxisaufgaben.“ Dr. Ralf Schneider – Vorstandsvorsitzender MEDI Südwest e.V. – Allgemeinmediziner in Alzey
