Die Nachricht aus Mainz sorgt zumindest für eines: Planungssicherheit. Die Kassenärztliche Vereinigung Rheinland-Pfalz (KV RLP) hat sich ungewöhnlich frühzeitig mit den Krankenkassen auf die Honorarverteilung für das Jahr 2026 geeinigt. Während bundesweit viele Verhandlungen stocken, wissen die rheinland-pfälzischen Praxen nun, womit sie im übernächsten Jahr rechnen können. Doch der erreichte Kompromiss, so wichtig er für die Stabilität der Versorgung vor Ort ist, offenbart bei genauerem Hinsehen vor allem die dramatische Diskrepanz zwischen der realen Kostenexplosion in den Praxen und dem engen finanziellen Korsett, das die Bundespolitik der ambulanten Versorgung angelegt hat.
Diskrepanz zwischen Betriebskosten und Honorar
Kern der Einigung ist eine Anhebung des regionalen Orientierungspunktwertes um 2,8 Prozent sowie gezielte Förderungen für den Notdienst und die aufsuchende Versorgung. Was auf dem Papier wie ein Zuwachs aussieht, ist im harten wirtschaftlichen Alltag der niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen jedoch kaum mehr als eine Bestandsgarantie auf niedrigem Niveau.
„Wir erkennen ausdrücklich an, dass die KV RLP in einem extrem schwierigen Umfeld das maximal Mögliche herausgeholt hat und unseren Mitgliedern eine Hängepartie erspart“, kommentiert Dr. Ralf Schneider, Vorstandsvorsitzender von MEDI Südwest, den Abschluss.
„Doch wir dürfen uns nicht in die Tasche lügen: Eine Steigerung von 2,8 Prozent deckt bei Weitem nicht die Tarifsteigerungen für unsere Medizinischen Fachangestellten, die explodierten Energiekosten und die allgemeine Inflation. Faktisch zementiert dieser Abschluss, der durch die Bundesvorgaben gedeckelt ist, den schleichenden Reallohnverlust der niedergelassenen Ärzteschaft.“
Systemversagen bei der Morbiditätsberechnung
Besonders deutlich wird die Absurdität der bundesweiten Vorgaben bei der Betrachtung der morbiditätsbedingten Gesamtvergütung (mGV). Dass die Verhandlungspartner in Rheinland-Pfalz statistisch gegen eine sinkende Krankheitslast anverhandeln mussten, entbehrt jeder Grundlage in der Versorgungsrealität. Während die Wartezimmer überquellen und die Bevölkerung unaufhaltsam altert, rechnet das theoretische Modell des Bundes die Morbidität künstlich klein. Nur durch den Punktwertanstieg und statistische Ausgleichseffekte konnte hier überhaupt ein Plus von rund 2,54 Prozent gerettet werden.
Für Dr. Ralf Schneider ist dies ein Symptom eines krankenden Systems:
„Es ist ein Hohn, dass wir uns über eine ‘schwarze Null’ oder ein minimales Plus freuen sollen, während die Versorgungslast massiv steigt. Das System Lauterbach atmet nicht mit den Patienten, sondern schnürt der Versorgung die Luft ab. Wir verwalten hier den Mangel, während die Politik vollmundig eine ‘Ambulantisierung’ fordert, ohne die dafür nötigen Mittel bereitzustellen.“
Falsche Signale aus Berlin
Der Abschluss in Rheinland-Pfalz ist somit weniger ein Grund zum Jubeln als vielmehr ein Beleg für die Widerstandsfähigkeit der regionalen Selbstverwaltung gegen den Berliner Zentralismus. Während Kliniken mit Transformationsmilliarden gestützt werden, bleibt der ambulante Sektor auf der Strecke. Die punktuellen Aufstockungen für Pflegeheimbesuche und Schmerztherapie sind zwar richtige und wichtige Signale für die betroffenen Patientengruppen, lösen aber das strukturelle Finanzierungsproblem der Flächenversorgung nicht.
„Die Politik muss endlich begreifen, dass eine stabile ambulante Versorgung nicht zum Nulltarif zu haben ist“, resümiert Dr. Ralf Schneider. „Solange die Budgetierung nicht fällt und die Honorierung nicht an die reale Kostenentwicklung gekoppelt wird, bleibt jeder regionale Abschluss nur Schadensbegrenzung. Wir brauchen keine kosmetischen Korrekturen, sondern ein klares Investitionssignal für die Niederlassung. Alles andere gefährdet mittelfristig die patientennahe Versorgung in Rheinland-Pfalz massiv.“
