Stabilität auf Kosten der Versorgung? Warum die Vorschläge der GKV-Finanzkommission in die Sackgasse führen

Ein Kommentar von Dr. Ralf Schneider, Vorstandsvorsitzender des MEDI Verbunds Südwest

Alzey/Berlin, 30. März 2026 – Heute hat die von Bundesgesundheitsministerin Nina Warken einberufene Finanzkommission Gesundheit ihr lang erwartetes Empfehlungspapier zur Stabilisierung der Krankenkassenbeiträge vorgelegt. Auf 483 Seiten skizzieren Experten, wie das drohende Milliardendefizit der GKV abgewendet werden soll. Doch was als ökonomische Notwendigkeit verkauft wird, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als ein gefährlicher Frontalangriff auf die ambulante Versorgung.

Als niedergelassener Allgemeinmediziner in Alzey und Vorstandsmitglied von MEDI Geno Deutschland sehe ich die heute präsentierten Ergebnisse mit großer Sorge. Dass das System unter massivem finanziellen Druck steht und wir sparen müssen, ist uns allen bewusst. Es gibt hier keine zwei Meinungen: Wir brauchen fiskalische Stabilität, um die gesetzliche Krankenversicherung zukunftsfest zu machen. Doch leider greift die Politik wie so oft zum altbekannten, aber falschen Mittel: Sie setzt den Rotstift fast ausschließlich bei den Akteuren im ambulanten Sektor an.

Dabei wird ein entscheidender Punkt völlig verkannt: Die ambulante Ärzteschaft übernimmt rund 90 Prozent der medizinischen Versorgung in Deutschland – und das mit einem Budgetanteil von gerade einmal 16 Prozent der GKV-Gesamtausgaben. Mit jeder weiteren Sparrunde geht ein Teil unserer gewachsenen Versorgungsstrukturen unwiderbringlich verloren. Eine Praxis, die aufgrund fehlender Planungssicherheit aufgibt, oder ein Versorgungsangebot, das weggespart wird, lässt sich nicht einfach per Knopfdruck wieder aufbauen. Dieser Substanzverlust führt dazu, dass die Versorgung immer schlechter wird. Am Ende werden es die Patientinnen und Patienten bitter bezahlen – mit ihrer eigenen Gesundheit.

Das TSVG-Aus: Ein Rückschlag für die Patienten

Besonders drastisch ist der Vorschlag, die Vergütungsregelungen für TSVG-Konstellationen vollständig abzuschaffen. Diese Anreize wurden 2019 geschaffen, um Patienten zeitnah Facharzttermine zu vermitteln. Die Kommission bezeichnet dies nun fälschlicherweise als „Doppelvergütung“. Fakt ist: Diese Regelungen sind oft die einzige Form der Vergütung, bei der unsere Leistungen tatsächlich in voller Höhe bezahlt werden, anstatt sie durch Budgetierung und Quotierung abzuwerten. Fällt dieser Anreiz weg, wird es zwangsläufig zu längeren Wartezeiten kommen – ein direkter Angriff auf die Versorgungssicherheit der Bevölkerung.

Strukturreformen statt Honorarkürzungen: Unsere Gegenvorschläge

Anstatt das „Bollwerk der Versorgung“ – die Arztpraxis – weiter zu schwächen, muss die Politik endlich an die echten Ineffizienzen im System herangehen. Wir fordern zwei zentrale Maßnahmen:

  1. Konsolidierung der Kassenlandschaft: Wir leisten uns derzeit noch immer über 90 gesetzliche Krankenkassen mit gewaltigen Verwaltungsapparaten. Studien belegen, dass durch die konsequente Nutzung digitaler Technologien, Prozessoptimierung und die Reduzierung dieser Doppelstrukturen jährlich 8 bis 13 Milliarden Euro eingespart werden könnten. Das entspräche einer Senkung des Beitragssatzes um bis zu 0,7 Prozentpunkte, ohne die Patientenversorgung zu tangieren.
  2. Ehrliche Finanzierung staatlicher Aufgaben: Die GKV trägt derzeit die Last für versicherungsfremde Leistungen im Umfang von rund 60 Milliarden Euro jährlich – etwa für die beitragsfreie Mitversicherung oder Rentenbeiträge für Pflegende. Der Bundeszuschuss deckt davon jedoch nur 14,5 Milliarden Euro ab. Würde der Staat diese gesamtgesellschaftlichen Aufgaben vollumfänglich aus Steuermitteln refinanzieren, wäre das Defizit der GKV auf einen Schlag gelöst.

Die menschliche Komponente: Digitalisierung und Motivation

Auch bei der Digitalisierung setzt die Kommission den Rotstift an. Das Vorhaben, die Vergütung für die Befüllung der elektronischen Patientenakte (ePA) zu streichen, zeugt von Unkenntnis der Praxisabläufe. Eine ePA bietet nur dann Mehrwert, wenn sie ärztlich gepflegt wird. Das ist Arbeit, die Zeit kostet. Wer hier spart, provoziert Demotivation und gefährdet die Akzeptanz neuer Technologien in einer Zeit, in der wir jede Effizienzsteigerung dringend benötigen.

Fazit: Den Mut zur echten Reform finden

Wir benötigen nachhaltige, sektorenübergreifende Reformen. Das größte Einsparpotenzial liegt in der Förderung der Ambulantisierung – also der Verlagerung von teuren Klinikaufenthalten in die effizienten Strukturen der Praxen.

Die heute vorgestellten Vorschläge dürfen in dieser Form nicht Gesetz werden. Wer an der ambulanten Versorgung spart, spart an der falschen Stelle und zerstört Strukturen, die für die Zukunft unserer Gesellschaft lebensnotwendig sind. Wir als MEDI Verbund Südwest fordern eine Reform an, die die Versorgung stärkt, anstatt sie durch kurzsichtige Sparmaßnahmen unwiederbringlich zu ruinieren.