Offener Brief an Ministerin Warken:
Offene Briefe aus der Ärzteschaft an Bundesgesundheitsminister sind selten – und wenn sie erscheinen, dann meist dann, wenn der Dialog auf den üblichen Kanälen nicht mehr ausreicht. Der HÄV-Chef Sachsen-Anhalt sieht diesen Punkt offenbar als erreicht an. Sein Schreiben an Ministerin Warken ist kein Protestbrief im klassischen Sinne, sondern eine sachliche Auflistung von Anhaltspunkten, die aus seiner Sicht belegen, dass die Hausärzteschaft von der aktuellen Gesundheitspolitik nicht angemessen berücksichtigt wird.
Wertschätzung als Systemfrage
Was auf den ersten Blick wie ein emotionaler Appell wirkt, ist bei näherer Betrachtung eine strukturelle Kritik: Wer Hausärztinnen und Hausärzte als unverzichtbares Fundament der ambulanten Versorgung bezeichne, müsse dies auch in der Vergütungspolitik, bei der Bürokratielast und bei politischen Entscheidungsprozessen abbilden. Genau das – so die Kritik – geschehe derzeit nicht.
Der Brief erscheint zu einem Zeitpunkt, an dem die Hausärzteschaft gleich von mehreren Seiten unter Druck steht: Das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz sieht für Hausärzte laut Zi-Modellrechnungen Einbußen von durchschnittlich rund 9.975 Euro pro Jahr und Praxis vor. Gleichzeitig werden Anreize für offene Sprechstunden und kurzfristige Terminvergabe gestrichen – also genau jene Instrumente, die Hausarztpraxen in den vergangenen Jahren ausgebaut haben.
„Schätzen Sie die Hausärzteschaft endlich wert, Frau Ministerin!”— Vorsitzender des Hausärzteverbandes Sachsen-Anhalt, Offener Brief an Bundesgesundheitsministerin Nina Warken, Mai 2026
Der Kontext: Eine Ärzteschaft am Limit
Der Brief reiht sich in eine Reihe von Signalen ein, die in den vergangenen Wochen aus der Ärzteschaft gesendet wurden. Die KBV hat nach dem Kabinettsbeschluss erklärt, auf „wenig bis kein Verlass auf Politik” setzen zu können. Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten protestieren bundesweit gegen die geplanten Sparmaßnahmen. Und in Rheinland-Pfalz stellt die KV RLP die Förderung der Niederlassung grundsätzlich infrage – weil die politischen Rahmenbedingungen eine nachhaltige Praxisführung zunehmend erschweren.
Was diese Signale gemeinsam haben: Sie kommen nicht von einer organisierten Protestbewegung, sondern aus dem Versorgungsalltag. Ärztinnen und Ärzte, die täglich Patientinnen und Patienten behandeln, reagieren auf konkrete Rahmenbedingungen – und diese Rahmenbedingungen haben sich strukturell verschlechtert.
Was Praxen jetzt tun können
Politische Appelle sind wichtig – sie schaffen Öffentlichkeit und erzeugen Druck. Gleichzeitig ersetzen sie keine betriebswirtschaftliche Vorbereitung auf die kommenden Veränderungen. Praxen, die jetzt aktiv werden – Kostenstrukturen analysieren, Leistungsangebote priorisieren, Personalplanung anpassen –, sind weniger abhängig davon, ob und wann die Politik reagiert.
Position von MEDI Südwest
MEDI Südwest unterstützt alle Stimmen, die die Situation der niedergelassenen Ärzteschaft sachlich und klar benennen. Gleichzeitig bereiten wir unsere Mitglieder auf die konkreten betriebswirtschaftlichen Konsequenzen vor. Politischer Druck und praxisnahe Vorbereitung schließen sich nicht aus – sie verstärken sich gegenseitig.
